Interview mit Marco, 56, einem Erzähl Mahl Teilnehmer

Marco, was hast du beim 1. Erzähl Mahl erlebt?


«Der Einstieg war für mich speziell. Ich habe mich im Vorfeld, wieder und wieder gefragt, warum ich mich auf eine so ungewohnte und mich verunsichernde Situation einlasse. Neuen Leuten zu begegnen und andere Aspekte an mir selbst zu entdecken, waren dann aber die treibenden Kräfte dazu».


Was war für Dich besonders am Erzähl Mahl?


«Fasziniert hat mich das sich selber überwinden, sich auf ein Gegenüber einzulassen und einen Moment der Begegnung entstehen zu lassen, ohne Erwartungen, ohne Vorgaben und Wertungen… einfach nur spüren, was wohl kommen mag.»
«Spannend war z.B. auch, dass eine Gesprächspartnerin klar deklariert hat, dass sie zuerst mal still sein werde, um zu schauen, was jetzt auf diese Frage in ihr auftauchen wird – das fand ich gut.»
«Dass man nicht in einem Dialog war, war faszinierend anders als sonst in Gesprächen. Jeder hatte 5 oder 10 Minuten Zeit um Gedanken und Erinnerungen zu einem Thema aufsteigen zu lassen und mit dem anderen zu teilen. So konnten sie Gestalt annehmen und sich entwickeln. Es war eine sehr schöne Erfahrung, dass es ein Gegenüber gab, welches mir Zeit liess, diese Gedanken fliessen zu lassen.»


Hattest du ein Aha-Erlebnis?


«Für mich war spannend zu beobachten, wie der Einstieg in so ein Gespräch ablief – da hatte ich mein Aha-Erlebnis. Für mich ist es einfacher, das Gegenüber mit Erzählen beginnen zu lassen. Nun mal selber als Erster zu starten, war für mich herausfordernd. Ich bin vom Naturell her eher ein guter Zuhörer und lasse deshalb meist die Anderen zuerst mal erzählen und vergleiche es dann mit meiner Erfahrung. Das war eine gute Erfahrung, selber als Erster mit Erzählen zu beginnen und Zeit zu haben, meine Gedanken in aller Ruhe zu formulieren».

 

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Hattest Du Begegnungen oder Fragen, die Dich berührt haben?


«Ich bin bewusst ohne Erwartungen ans Erzähl Mahl gekommen - ohne Vorstellung, dass hier weiterführende Begegnungen entstehen sollen. Und ja, ich habe magische Momente mit einem Vis-à-Vis erlebt, als wir uns darüber unterhielten, was für jeden von uns wesentlich ist im Leben.
Diese Person erzählte mir, dass sie durch den Verlust des Partners heute eine andere Einstellung hat zum Leben und wofür sie alles dankbar ist. Das hat mir auch wieder bewusst gemacht, wie kostbar die Zeit ist, die wir miteinander teilen.»


Solche Gespräche hat man ja manchmal auch ausserhalb eines Erzähl Mahl – was war anders hier, dass Du in diesem Zusammenhang von Magie sprichst?


«Anders…? Zum Beispiel die Tatsache, dass man hier ein Gefäss hat, wo einem jemand einfach zuhört, ohne dass er «seinen eigenen Senf» dazugibt. In vielen Gesprächen geht es doch einfach hin und her, man erzählt ausschmückend, oft gibt es Kommentare oder Bewertungen und man kommt vielleicht gar nicht dazu, die eigentliche Essenz rüber zubringen oder auszudrücken».


«…dieses Momentum, dass in diesem Setting jemand einfach offen zuhört, ohne diese wertende Geschichten und ohne all diese vielen Nebengeräusche und Abschweifungen, die es in jedem Gespräch gibt. Diese Erfahrung, dass einem jemand zuhört und man wirklich Zeit hat. Es ist besonders, erleben zu dürfen, dass es auch mal 15 Sekunden still sein kann in einem Gespräch und ein Gedanke so richtig sinken kann – das war für mich die Magie.»


Braucht es ein Erzähl Mahl in der heutigen Zeit?


Für mich ist ein Erzähl Mahl ein Begegnungsort, wo Qualität und Tiefe in einem Gespräch einen Wert erfahren, wie es an anderen Orten nicht möglich ist.»


Marco, 56​